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Christine Liebich
Timur Lukas

Hotwheelscollectors

Agilolfinga. Make Munich Great Again
Eröffnung 07. 06. 2016

Das Zeitalter der Massen scheint von allen Umständen der älteste. Hotwheelcollectors von Christine Liebich und Timur Lukas zeigt die Massen so wenig direkt wie der Titel populistisch oder einfach als Werbung gemeint ist. Zwar schließen die Kunstgeschichten und vor allem die Bildräume von Timur Lukas Narrative nicht aus. Und die Arbeiten von Christine Liebich sind nicht nur für sich platziert, sondern immer und sogar in Worten erzählend begleitet. Aber es wird nicht so erzählt wie in Filmen und Comics. Und kaum ein Gedanke gilt dem Einfluss auf die Massen, den die Moderne für sich in Anspruch nahm, bevor der Totalitarismus ihr diese Fackel entriss. Wladimir Tatlin, den Lukas direkt zitiert und Eva Hesse, die Liebich indirekt aufnimmt, haben Leichtmetall oder Kunststoff in die Skulptur importiert. Es ist etwas ganz anderes, wenn Lukas Marmor neu einsetzt oder wenn beide am Schluss übereinkamen, ihre Skulpturen auf Sockel aus Styropor zu stellen. Es ist hier keine neue, sondern eine natürliche Möglichkeit, dass diese Palette von relativ schwer bis relativ leicht dem Mann und der Frau auf der Straße gehört.

Die Materialien und sogar die Formen werden allgemein zugänglich. Es gibt aber viel weniger Distanz, als die zwei Worte Pop Art noch immer behaupten. Schon auf der Einladung treten der Raum und die Ausstellung Hand in Hand auf, sitzen die Künstler rauchend am Boden. In der Ausstellung legen am Boden Styroporsockel wie Schiffe parallel und doch nicht parallel aneinander an. Sie tragen die Skulpturen Zukunft 1998, Sunset von Lukas und Oro von Liebich. An der Wand zerlegt Christine Liebich ungefähr alles, was von der Malerei Skulptur werden kann. In Oro läßt sie sich im Gegenlauf zu dieser Analyse auf eine Synthese ein, die auf einen Tropfen oder eine Knospe hinausläuft. In ihren eigenen Worten galt es, „eine perfekte Form entstehen zu lassen, die sich selber komplett trägt.“ Die Perfektion wird begrenzt durch die Schwierigkeit einer Krümmung im Raum, die Autonomie dadurch, dass es Eva Hesse gegeben hat. Diese Grenze zieht Timur Lukas selbst in dem Titel seiner Wandinstallation O. T. für Tatlin. Der Katalog zu der Ausstellung Wladimir Tatlin, die 1970 im Kunstverein München stattfand, zeigt das populärste Werk Tatlins, den Turm der III. Internationale, vorne und hinten rot eingefärbt auf dem Umschlag. In dem Katalog ist auch das Selbstporträt als Seemann schwarzweiß abgebildet, das Timur Lukas in O. T. für Tatlin als farbigen Druck auf den Kopf stellt. Tatlins Original bereits hat mit Modigliani mehr zu tun als sogar mit dem Eiffelturm. Entsprechend hält Lukas die Frage offen, ob er klassisch mit Malerei endet oder konstruktiv mit dem Einsatz von Farbe. Die Landschaften, die er in der Ausstellung auf so verschiedene Gründe wie Leinwand, Satin und Stein hinschreibt, fließen aus einem neuen Pen, der unter anderem mit verdünnter Ölfarbe gefüllt werden kann. Oder Styropor ist vielleicht dadurch modern, dass durch den Internethandel so viel verschickt wird.

Es wäre zu viel gesagt, Christine Liebich eine exzentrische Abstraktion zuzusprechen, wie man das bei Eva Hesse versucht hat. Noch müßiger ist es, bei Timur Lukas von einer Postmoderne zu reden, die Abstraktion einschließt, aber auch Einfühlung. Und erst recht die Beziehungen, die Hotwheelcollectors zwischen den Werken ebenso stiftet wie trennt, fallen entweder ohne Begriffe ins Auge, oder die Begriffe stellen sich selbst dar als Übereinstimmungen, aber auch Unterschiede. Das Wort Masse steht für eine Allgemeinheit, die nicht zu greifen ist, weil sie sich aus lauter Besonderheiten zusammensetzt. Daher erscheint die Masse im Plural als Massen. Die Internationale wollte die Massen organisieren, die Pop Art die Massen bedienen. Dagegen steht der Zusammenhang von Institution und Veranstaltung, Autor und Autorin, Autoren und Sammlern, von Unterschieden, Gegensätzen und Beziehungen in Material und Verfahren, den Christine Liebich und Timur Lukas herstellen, für eine Masse, die nach wie vor nicht zu greifen ist. Diese Masse, die auch nach ihrer Formierung übrigbleibt, hat Paolo Virno als Multitude bezeichnet. Virno kennzeichnet die Gegenwart dieser Multitude vor allem dadurch, dass der Mensch zugleich mit dem, was er zeigt, immer sich selber zeigt, dass er zum Virtuosen wird. Es wäre naiv, diese Virtuosität einfach nur menschlich zu nennen, heißt sie doch auch, dass der Künstler nicht nur seine Leinwand, sondern auch seine Haut zu Markte trägt.

Diese neue Form wird verständlich, wenn man sie auf alte Weise rhetorisch nennt. Nach Marcus Terentius Varro ist der Dichter so verständlich wie nötig, der Redner dagegen so verständlich wie möglich. Hotwheelcollectors ist nicht nur der heiße Scheiß, der auch ankommt. Ein römischer Kaiser hat einmal gesagt, seine Regierung solle als ganze eine redende sein.

Berthold Reiß